Abenteuer „virtueller Klassenraum“ - Heike Glänzer „ Wenn Sie jetzt eine 15 minütige Pause machen möchten, dann klicken Sie bitte auf „Ja“, wenn Ihnen 10 Minuten genügen, dann bitte auf „Nein“...“
So oder ähnlich könnte die Frage eines Dozenten lauten, der in einem virtuellen Seminarraum unterrichtet. Mit virtuellem Seminarraum ist gemeint, dass die Schulung nicht mehr in einem echten Klassenraum stattfindet, sondern ganz bequem von zuhause oder vom Büro aus übers Internet. Die bekanntesten virtuellen Schulungsräume sind LearnLinc, Centra und InterWise. Selbstverständlich gibt es noch viele mehr, die z.B. von Universitäten oder Firmen zum Eigengebrauch kreiert werden.
Der Einsatz dieser virtuellen Räume findet oft Unterstützung durch Präsenzunterricht und Selbstlernphasen mittels CBT´s oder WBT´s. Aber auch reines internet-learning ist möglich, d.h. die Vermittlung von Wissen findet nur noch online statt. Ein persönliches kennen lernen gehört nicht mehr dazu.
Doch was ändert sich für den Dozenten, wenn er auf einmal nicht mehr physisch anwesend ist, sondern zum „virtuellen Wesen“ wird? Und was veranlasst einen Lernwilligen diese Art der Weiterbildung zu wählen, bei der er alleine vor seinem Rechner sitzt?
Nun, beide genießen einen entscheidenden Vorteil, dass die Vorbereitungszeit enorm verkürzt wird oder ganz entfällt. Zur Vorbereitung gehören z.B. die Unterbringung kleiner Kinder, das Herrichten für den Unterricht und natürlich An- und Abreise. Diese Dinge entfallen, wenn Sie an berufsbegleitenden Online-Seminaren teilnehmen. Denn dann schlummern die Kinder und Sie können im virtuellen Seminarraum „mit Badehose im Internet surfen“, sitzen dabei bequem im Bürostuhl, haben Kekse griffbereit oder vielleicht auch ein Gläschen Wein?
Die Teilnahme an einer virtuellen Schulung ist an minimale Voraussetzungen gekoppelt. Der Interessent benötigt lediglich einen PC mit Soundkarte, einen Internetzugang und ein Headset. Die Software erhält er entweder vom Seminaranbieter per CD oder er bekommt einen Link zum Download.
Vor Schulungsbeginn erhält jeder Teilnehmer einen Benutzernamen und ein Passwort. Damit kann er sich in den virtuellen Seminarraum einloggen. Zu Beginn macht der Dozent seine Schüler mit den Grundfunktionalitäten vertraut. Die Teilnehmer lernen schnell, dass sie die „virtuelle Hand“ heben müssen, wenn sie etwas sagen möchten. Alles weitere ergibt sich während der Schulung, Vorkenntnisse sind nicht notwendig.
Im Präsenzunterricht beginnt der Dozent ein neues Seminar gewöhnlich mit einer Vorstellungsrunde. Genauso auch im virtuellen Seminarraum. Logisch, dass die altbekannten Zweiergespräche mit gegenseitiger Vorstellung hier nicht funktionieren. Um die Atmosphäre vertrauter zu gestalten ist der Einsatz von Picture-ID möglich. Dazu werden Fotos der Teilnehmer in den virtuellen Seminarraum geladen und jedes Mal angezeigt, wenn der entsprechende Teilnehmer spricht oder agiert. Das gesprochene Wort wird von den Zuhörern mit dem Bild verknüpft und somit besser behalten. Auf den Einsatz von Webcams wird größtenteils noch wegen der benötigten Bandbreite verzichtet.
Die Begrüßungsrunde im virtuellen Seminarraum sieht so aus, dass die Teilnehmer abwechselnd das Rederecht bekommen um sich vorzustellen. Dies dient gleichzeitig als eine Art Technikcheck und zeigt, ob eine störungsfreie Übertragung gegeben ist. Damit eventuelle Audioprobleme nicht am falsch eingestöpselten Headset liegen, sollte der Dozent bereits vor der Schulung darauf hinweisen, die Audiofunktionen zu testen. Diese ist in den Seminarräumen, sowie in der Systemsteuerung von Windows, offline möglich.
Jeder Online-Tutor, der bereits als Präsenz-Dozent tätig war oder ist, verfügt über Unterlagen, wie z.B. Folien, Tafelbilder oder Kopien. Diese Vorlagen können bequem in den virtuellen Seminarraum integriert werden, d.h. es müssen keine speziellen Materialien erstellt werden. Gut ausgerüstet ist vor allem jener Dozent, der mit PowerPoint arbeitet, denn diese Folien sind für den Einsatz im virtuellen Klassenzimmer optimal geeignet. Wer noch nicht mit Folien gearbeitet hat, der sollte dies schnellstmöglich nachholen oder andere Möglichkeiten verwenden, um seine Teilnehmer bei der Stange zu halten.
Da im Präsenzunterricht die Augen aller auf dem Dozenten haften, dieser aber im virtuellen Seminar nicht sichtbar ist, muss er seinen Schülern etwas anderes zum Schauen anbieten. Außer den erwähnten Folien kann er weitere Tools bedienen wie z.B. Texte oder Zeichnungen auf eine virtuelle Tafel schreiben oder Multiple Choice - Fragenkataloge verwenden. Diese Materialien können vorab offline erstellt oder während des Seminars gemeinsam erarbeitet werden. Virtuelle Räume verfügen auch über einen Textchat, in den man kurze Nachrichten und Anmerkungen hineinschreiben kann. Um schneller zu einer Antwort zu kommen, verwendet der Dozent entweder das Feedback oder bittet um Handzeichen.
Für Softwareschulung eignet sich besonders das Application Sharing, dabei stellt der Dozent eine auf seinem Rechner gespeicherte Datei oder ein Programm für alle Anwesenden zur Verfügung. Ohne dass dieses auf deren Rechner installiert ist, kann jeder Lernende darauf zugreifen und es bearbeiten.
Auch das Zeigen von Software auf Teilnehmerrechnern oder erarbeitete und lokal abgespeicherte Hausaufgaben ist über das Application Sharing möglich. Last but not least kann der Dozent seine Teilnehmer in Gruppen aufteilen und verschiedene Arbeitsanweisungen geben. Während gearbeitet wird besucht er die einzelnen Gruppen und leistet Hilfestellung oder gibt Tipps.
Dies alles ist nur ein Ausschnitt dessen, welche Möglichkeiten einem Online-Dozenten für einen abwechslungsreichen und interessanten Unterricht zur Verfügung stehen. Die Tools differieren natürlich von Schulungsraum zu Schulungsraum, sind aber im Großen und Ganzen ähnlich zu handhaben.
Erfahrungswerte zeigen, dass man Teilnehmer in virtuellen Seminarräumen wesentlich mehr in das interaktive Geschehen einbeziehen und auch motivieren muss. Im Online-Seminar ist eben alles etwas anders. Es gelten andere Regeln und Verhaltenweisen. Man braucht eine andere Art von Kommunikation. Man kann nicht durch kurzes Kopfnicken oder Lächeln seine Zustimmung signalisieren und keinen Augenkontakt herstellen. Hier muss sich der Dozent auf sehr feine Zeichen verlassen. Die Kunst des Unterrichtens besteht nun darin, Botschaften zu entschlüsseln, die die Teilnehmer rein über die Stimme und ihre Äußerungen von sich gegeben haben.
Dozenten, die Monologe führen, werden es schwer haben bei ihren Teilnehmern Interesse zu wecken und sie am einschlafen zu hindern. Der Dozent muss er sich immer wieder vergewissern, dass seine „unsichtbaren“ Teilnehmer noch bei der Sache sind und nicht „abgeschaltet“ haben. Er muss regelmäßig Rücksprache halten, ob sein Tempo angemessen ist oder ob es Verständnisfragen gibt. Nur dann kann er erwarten, dass seine Schüler engagiert bei der Sache sind.
Der Dozent sollte über gute Kenntnisse in Windows und Office-Anwendungen verfügen bevor er einen virtuellen Seminarräumen betritt.
Denn fachliche Kompetenz reicht hier bei weitem nicht mehr aus.
Um ein guter Online-Tutor zu sein, muss der Dozent zusätzlich ein großes Maß an pädagogischer Kompetenz mitbringen.
Ein häufiger Fehler von Einsteiger-Tutoren in das synchrone Online-Lernen ist, dass die Dozenten die Regeln, die im traditionellen Präsenzseminar gelten, auch in gleicher Weise im virtuellen Schulungsraum umsetzen möchten. Aber aus einem gesattelten Ackergaul wird von alleine kein Rennpferd!
Zur Verdeutlichung hier ein Beispiel zum Stellen von konkreten Fragen:
Mit „Wenn Sie noch Fragen haben, dann stellen Sie diese bitte jetzt!“ kann ein Teilnehmer nicht viel anfangen. Soll er jetzt die Hand heben oder soll er auf „Ja“ klicken, wenn er eine Frage hat. Oder soll er sie gleich in den Textchat schreiben?
Hier muss konkret die Frage mit einer Anweisung verbunden werden:
„Wenn Sie noch Fragen haben, heben Sie bitte die Hand oder schreiben Sie Ihre Frage in den Textchat.“
Nur wenn der Dozent diese direkte Fragestellung beherrschen lernt, kann er Unsicherheiten und Missverständnissen vorbeugen.
Von Vorteil ist auf jeden Fall, wenn der Dozent vorher selbst Teilnehmer in Online-Seminaren war und unterschiedliche Dozententypen kennen gelernt hat. Er kann sich dann in die Lage seiner zukünftigen Teilnehmer hineinversetzen, indem er sich erinnert, wie er sich gefühlt hat. Er kann die Reaktion der Teilnehmer nicht vorhersagen, wenn er selbst keine Erfahrungen als Teilnehmer gesammelt hat.
Der professionelle e-Tutor ist so flexibel wie nie zuvor, denn er kann spontan Dokumente präsentieren oder benötigte Seiten im Internet synchron aufrufen. Im Präsenzunterricht ist dies nicht möglich, denn diese Materialien hat der Dozent nicht in seiner Tasche. Der Online-Dozent jedoch öffnet sie mit einem Mausklick auf seinem Rechner und sofort hat er sie auf alle Teilnehmerbildschirme gezaubert.
Gefühlsregungen der Lernenden – auch diese lassen sich im Virtuellen Seminarraum anzeigen! – lassen das Herz eines jeden Dozenten höher schlagen. Um zu verdeutlichen, dass ein Scherz gemacht wurde, kann man einen Smilie tanzen lassen oder um einer Sache zuzustimmen deutet der Teilnehmer begeistert Applaus an.
Und Applaus ist des Künstlers Brot...
Heike Glänzer ist qualifizierte Anbieterin von Online-Seminaren, insbesondere der Ausbildung von Tutoren durch Blended Training und im virtuellen Schulungsraum. Diese Weiterbildungen finden ausschließlich über das Internet statt, damit die TeilnehmerInnen schon beim Lernen die wesentlichen Anforderungen ihres künftigen Arbeitsfeldes hautnah erfahren.
pia
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